Sarrazin und die widerlegten Zahlen
Sep 12
Thilo Sarrazin – dieser Name spukt seit Wochen durch die deutschen und internationalen Medien. Im Wesentlichen geht es um die Thesen seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ und seinen damit verbundenen Aussagen. Die einen sehen in ihm einen Volksverhetzer, der es auf bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft abgesehen hat, die anderen sind ihm dankbar, weil er endlich das ausspricht, was sich viele offenbar nicht zu sagen trauen. Während die Presse teils harsche Kritik an seinen Ansichten geäußert hat, scheinen ihm die Mehrheit – in jedem Falle aber ein großer Teil – der Bevölkerung zuzustimmen. Was steckt hinter dem Phänomen Sarrazin und welche Bedeutung haben die derzeitigen Vorgänge? Auf diese Fragen möchte ich mit gleich mehreren Beiträgen in den kommenden Tagen näher eingehen.
Sarrazins Kernaussagen
Erschreckend ist, dass der überwiegende Großteil derer, die sich an der aktuellen Diskussion beteiligen, sein Buch nicht gelesen zu haben scheint. Diese Annahme speist sich allein schon aus der Tatsache, dass es erst am 30. August erschienen ist und danach sofort ausverkauft war.1 Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, wie sich beispielsweise die Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Zeitpunkt zu einer Bewertung hinreißen lassen konnte, zu der das Buch noch gar nicht erhältlich war. Sie nannte Sarrazins Ansichten „nicht hilfreich“ und da müsse ein ganz anderer Ton angeschlagen werden.2 Wer dann aber doch in den Genuss von Sarrazins Buch kommt, der kann sich selbst ein Bild davon machen. Ich selbst war erstaunt ob der zurückhaltenden und beinahe schon langweiligen Art, in der das Werk verfasst ist. Lediglich einige wenige Stellen haben den Charakter einer politischen Kampfrede. Vieles kommt sehr trocken daher und hier und da ist man sogar geneigt, das Buch wegen seiner Nüchternheit beiseite zu legen. Von einer Hetzschrift ist das Ganze meilenweit entfernt! Sarrazin führt zunächst seine Erkenntnisse zu den Bevölkerungsschichten in Deutschland und deren Intelligenz aus. Anschließend stellt er die aus seiner Sicht existierenden gesellschaftlichen Probleme dar. Das Stichwort „Integration“ ist – das sei am Rande bemerkt – nur ein Punkt von sehr vielen.
Fleißig nennt er immer wieder Quellen und Belege (meist aus der Wissenschaft) für seine Aussagen und so ist es nicht selten der Fall, dass pro Kapitel über hundert Fußnoten zusammenkommen. Knapp zusammengefasst stellt er damit die These auf: Die Unterschicht ist durchschnittlich weniger produktiv und intelligent als Mittel- und Oberschicht. Dies führt er eben nicht auf die Umstände dieser Bevölkerungsschicht zurück, sondern darauf, dass sich unter anderem auch Intelligenz vererbt. Da Frauen der Unterschicht statistisch immer mehr Kinder bekommen, Frauen der Mittel- und Oberschicht hingegen immer weniger, geht er schließlich davon aus, dass Deutschland mehr und mehr verdummt und somit auch die Produktivität der Bürger ständig sinkt. Nur als ein Problem von vielen nennt er dabei auch Migranten. Anhand von internationalen statistischen Vergleichen versucht er zu belegen, dass vor allem eingewanderte Muslime zwangsläufig in der deutschen Unterschicht landen. Nicht zuletzt deren Religion sei mitverantwortlich für viele der damit verbundenen Integrationsprobleme. Daher fehle auch sehr oft der Wille sich zu integrieren.
Widerlegte Beweise?
Jüngst sorgte Sarrazin für Aufsehen, weil er behauptete, dass sowohl Juden wie auch Basken bestimmte Gene hätten, die sie von anderen Bevölkerungsgruppen unterscheide. Ein gellender Aufschrei der Empörung hallte durch das Land. Der Zentralrat der Juden warf ihm daraufhin Rassismus vor. Der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch nannte derartige Aussagen unerträglich und in „seiner eigenen“ Partei, in der SPD, wurde er gar als „Brandstifter“ abgestempelt.3 Kaum jemand setzte sich damit auseinander, was er eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Es ging ihm einzig und allein darum, klarzustellen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen genetische Gemeinsamkeiten haben. Anders wäre zum Beispiel das typische Aussehen von Asiaten oder die dunkle Hautfarbe von Afrikanern nicht zu erklären. Genau das berichtete bereits 1999 der SPIEGEL in einem Beitrag namens „Ahnenpass aus dem Labor“.4 Selbst die „Jüdische Allgemeine“ bestätigt in einem jüngst erschienenen Artikel die „gemeinsame nahöstliche Herkunft aller Juden“.5 Sollte sich Sarrazin hier wirklich irren, so irren viele andere – darunter auch Juden selbst – mit ihm. Dieser ungeheuerliche Umstand zeigt einmal mehr, dass es in Deutschland noch immer nicht möglich ist, das Wort „Jude“ unbehelligt in den Mund zu nehmen – auch wenn man, wie Sarrazin das in seinem Buch, es nur durchweg wohlwollend und voll des Lobes tut. Sarrazin ein Antisemit? Diese Anschuldigung hinkt vor diesem Hintergrund auf beiden Beinen.
In der ARD-Talkshow von Reinhold Beckmann wurde die Politologin Dr. Naika Foroutan zum Thema „Sarrazin“ zugeschaltet und widerlegte offenbar einige von Sarrazins Thesen mit „stichhaltigen Zahlen“. So stellte sie beispielsweise fest: „Als in den 60er Jahren die ersten muslimischen Migranten als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, konnten wir eine Abiturientenquote von 3% feststellen, jetzt sind wir bei einer Abiturientenquote gerade bei den türkischen Migranten (oder Mihigru) von 18%, das ist eine Steigerung von 900%, diesen Trend kann man einfach nicht verleugnen.“6 Dass es mit ihren Rechenkünsten und ihrem Wertungsvermögen von Statistiken nicht weit her sein kann zeigt die Aussage, die sie kurz darauf in der ZDF-Talkshow von Maybritt Illner tätigte: „3% machten ursprünglich Abitur, jetzt sind es 27%“ und „27% der Türken macht Abitur, sind das ein Drittel, oder sind das nicht ein Drittel?“.7 Wie sie rein rechnerisch auf eine Steigerung von 900% kommt, bleibt ihr Geheimnis. Dass sie in der einen Sendung eine vollkommen andere Zahl nennt als in einer kurz darauffolgenden, zeichnet sie nicht gerade als fachkompetent aus. Wie auch immer: Beide Zahlen widersprechen Angaben, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Artikel im April 2010 macht: „Nur 13% der Türken in Deutschland haben das Abitur […].“8 Der Spiegel spricht in einem Artikel aus dem Jahr 2009 von 14%. Sollten beide Zahlen stimmen, wäre die Anzahl der Türken mit Abitur sogar leicht zurückgegangen.
Ähnlich „stichhaltig“ war ein Statement der Wissenschaftlerin Elsbeth Stern in der ARD-Sendung „Hart aber fair“. Thilo Sarrazin bezieht sich mit einer seiner Hauptaussagen auf sie und stellt fest, dass 50 bis 80% der Intelligenz erblich seien. Das bestritt die Wissenschaftlerin heftig und ereiferte sich, das könne man nicht so verkürzt darstellen und so wolle sie sich nicht verstanden wissen. Mit großer Verwunderung liest sich da ein Interview mit derselben Elsbeth Stern im aktuellen FOCUS. Dort sagt sie: „Die Intelligenz der Kinder kann sowohl geringer als auch höher sein als die der Eltern. Aber natürlich bekommen kluge Eltern mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch kluge Kinder.“9 In anderen Worten: Intelligenz ist eben doch zum großen Teil erblich. Noch interessanter wird es aber, als sie dem Fragesteller ihre Sicht der Bildungspolitik Deutschlands kundtut. Das ist insofern kurios, weil sie sich als Wissenschaftlerin damit ebenso auf fachfremdes Terrain begibt wie Sarrazin, wenn er über Genetik spricht. Ihm wirft sie aber eben das vor!
Man kann es drehen und wenden wie man will. Zu jeder Statistik findet man eine Gegenstatistik. Entscheidend ist aber: Die von Sarrazin im Buch angesprochene Grundproblematik wird nicht wirklich erörtert. Stattdessen wird versucht, ihn mit Scheingefechten als Irrläufer bloßzustellen. Fakt ist: Selten habe ich bei einem Sachbuch an so vielen Stellen heftig genickt, weil mir zu den geschilderten Um- und Zuständen gleich mehrere aus dem Leben gegriffene Beispiele einfallen. Glaubt man den jüngsten Umfragen, geht das nicht nur mir so.10 11 12
- Random House: “Thilo Sarrazin – Deutschland schafft sich ab” ↩
- Handelsblatt: “Autor Broder wirft Merkel Nazi-Methoden vor” ↩
- Die Presse: “Sarrazin empört mit Theorie über ‘eigenes Juden-Gen’” ↩
- Der Spiegel: “Genforschung – Ahnenpass aus dem Labor” ↩
- Jüdische Allgemeine: “Genetik – Kinder Abrahams” ↩
- YouTube: “Reinhold Beckmann” (ab 1:40) ↩
- YouTube: “Maybritt Illner” (ab 8:25) ↩
- FAZ: “Erdogan misst mit zweierlei Maß” ↩
- FOCUS 36/2010, Seite 90 ↩
- Stern.de: “Umfrage-Mehrheit stimmt Sarrazin zu” ↩
- Financial Times Deutschland: “Sarrazins Popularität zwingt Merkel in Ausländerdebatte” ↩
- Die Presse.com: “Jeder zweite Deutsche gegen Entlassung von Sarrazin” ↩

Dem kann ich nur zustimmen!!