Kitas und Tagesmütter: Kinderabschieben als Trend
Okt 25
Es gilt nicht als opportun über angeblich “moderne Familienmodelle” zu wettern. Aber auch wenn der Widerstand noch so groß ist, der Trend wird deshalb nicht richtiger. Im großen Stil werden Kinder heutzutage schon im frühen Säuglingsalter der familiären Umgebung planmäßig und wiederkehrend entrissen und der gut bezahlten Tagesmutter in den Arm gedrückt oder bei der Kindertagesstätte abgeladen. Somit wird es den jungen Müttern oder Vätern überhaupt erst möglich wieder einem “geregelten Leben” nachzugehen. Das klassische Heimchen am Herd, das drei Jahre Erziehungsurlaub nimmt und sich in dieser Zeit um Kinder und Haushalt kümmert, wird belächelt oder gar als rückständig abgestempelt. Natürlich spricht man das im Allgemeinen sehr ungern aus, weil man ja tolerant und allen “Gesellschaftskonzepten” gegenüber offen erscheinen möchte.
Wie verlogen die Diskussion geführt wird, zeigen unzählige Wortgefechte1 zwischen Vertretern der einen und der anderen Partei. Die Argumente der “Abschieber” basieren dabei im Wesentlichen auf nur einer Aussage: “Es schadet den Kindern nicht, sondern es nützt ihnen!” Das ist nicht nur eine sehr einseitige Beleuchtung der Tatsachen, sondern es verschleiert auch die eigentlichen Probleme, die mit den neumodischen Familienkonzepten zwangsläufig einhergehen.
Zunächst einmal muss man feststellen, dass der “Abschiebetrend” noch sehr jung ist, sodass es für den Einzelnen noch gar nicht abzusehen ist, ob und wenn ja welche Auswirkungen er auf die heranwachsenden Kinder hat. Die Behauptung, dass Kitas und Tagesmütter “nützlich für die sozialen Kontakte” sind, ist demnach bloße Wahrsagerei mit einer Tendenz zur Unwahrheit. Erziehungswissenschaftler sprechen von der “primären Bindung”, die die Entwicklung von Kleinkindern in den ersten drei Jahren bestimmt. Die Bochumer Medizinerin und Verhaltenstherapeutin Dr. Dorothea Böhm erklärt diese so: “Selbst die netteste Kindertagestätte-Erzieherin hat zu ihren Schützlingen keine der Eltern-Kind-Beziehung vergleichbare Bindung, denn sie ist für mindestens fünf bis sieben Kinder zuständig. Konstante feinfühlige Begleitung für ein Kind, im Säuglings- und Kleinkindalter für eine gesunde psychoemotionale Entwicklung wichtig, ist unter Krippenbedingungen erschwert.” Menschen seien geborene Einlinge. Dies sei entwicklungsbedingt gewollt. Die primäre Bindung sei also kein Luxus, den aufzugeben man sich gefahrlos leisten kann.2 Studien der NICHD aus dem Jahre 2007 geben Böhm recht. Kinder, die länger als zwei Jahre regelmäßig Kindertagesstätten besuchten, zeigten mehr Verhaltensprobleme im Kindergarten als andere.3 Vor diesem Hintergrund stehen unwillkürlich ganz neue Fragen im Raum. Ob beispielsweise neue, bisher nicht ausreichend erklärbare Phänomene unter Kindern, wie zum Beispiel die in aller Munde befindliche Hyperaktivitätsstörung, in direktem Zusammenhang mit diesen neuen Trends stehen.
Der Bonner Mediziner Michael Winterhoff bohrt weiter in der Wunde moderner Eltern und erklärt in seinem gleichnamigen Bestseller: “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”.4 In neun Kapiteln zertrampelt Winterhoff alle Ideen von antiautoritärer Erziehung. Wer seinen Kindern auf Augenhöhe begegnet, macht sie zu kleinen Erwachsenen und überfordert sie damit in jeder Hinsicht. Die Folge ist der Verlust von Kindheit. Viel zu früh lernen die jungen Menschen, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Wichtige Leitlinien werden von den Eltern nicht geliefert, weil diese eben nicht bestimmend und hierarchisch agieren möchten. Das Paradoxon ist perfekt: Den Kindern fehlen jegliche Werte, während die Eltern mit immer weniger Maßregelung der kindlichen Verunsicherung entgegenwirken möchten. Mütter und Väter, die ihre Kinder in Krippen abschieben, feuern diesen Teufelskreis weiter an, indem sie den Kindern die elterliche Präsenz und somit eine konstante, einheitliche Wertevermittlung entziehen.
Leider passen Kinder offenbar immer weniger in die Lebensplanung junger Paare. Die meisten geschlechtsreifen Menschen scheinen den Platz, den der Nachwuchs einnehmen könnte, anders verplant zu haben. Studium, Urlaub, finanziell größere Spielräume … Die Liste ist schier unendlich. Das unberechenbare Abenteuer “Kind” passt nicht in dieses facettenreiche Leben. Ganz nüchtern betrachtet schlägt sich diese Haltung als ominöser “demografischer Wandel” nieder, der nichts anderes aussagt, als dass immer weniger Kinder zur Welt kommen und die Älteren somit immer mehr in der Überzahl sind. Unterstützt wird dieser Trend von fortschrittlicher Medizin, die dafür sorgt, dass mit 70 noch lange nicht Schluss sein muss. Warum sollte dieser kollektive Egoismus nicht auch bei all jenen Einzug halten, die sich trotzdem für das Kinderkriegen entschieden haben? Um Freiräume zu schaffen, werden die Kleinen so oft als möglich abgeschoben. Kinderkrippen und Tagesmütter bieten zwar erste Gelegenheiten dazu, aber – da sind sich alle einig – das Angebot muss noch deutlich ausgebaut werden. Getreu dem Motto: Lasst uns neue Entzugskliniken bauen, damit wir auch weiterhin guten Gewissens kettenrauchen können!
Dass Frauen Kinder gebären (müssen), ist keine Erfindung von proletenhaften Männern, sondern dürfte ein Gott gegebenes Faktum sein, dem auch Frau Schwarzer zähneknirschend zustimmen wird. Das eigentliche Problem wurzelt daher in den Emanzipationsbewegungen Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Infragestellen der klassischen Rollenverteilung von Mann und Frau und dem Sturz des Patriarchats würfelte die bisher klar gesteckten Aufgaben innerhalb einer Familie ordentlich durcheinander. Infolge dessen waren neue Modelle gefragt, die den aufstrebenden Frauen dieselben Möglichkeiten bieten sollten, wie sie einst den Männern vorbehalten blieben. Der Systemanalytiker Peter Mersch sieht darin die Keimzelle eines großen Missverständnisses. Die viel verlangte Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Ding der Unmöglichkeit! Solche Gesellschaften würden das Prinzip der Generationengerechtigkeit verletzen. In der Folge dürften sie sukzessive alle ihre Kompetenzen verlieren und schließlich verarmen. Empirische Daten scheinen zu belegen, dass dieser Prozess in den entwickelten Ländern längst begonnen hat. Herkömmliche familienpolitische Maßnahmen – zum Beispiel die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – werden dagegen nichts ausrichten können.5 Wirklich neue Konzepte sind gefragt. Es ist nicht so, dass es die nicht gibt! Mersch beschreibt in seinem Buch “Familienmanagerin” gleich mehrere, sehr breit gefächerte Lösungen.6 Das, was wir bisher aufgetischt bekamen, ist nichts anderes als eine Mogelpackung und letztlich eine Alibiveranstaltung für ultraliberale, egoistische Eltern.

